Alle reden über Transformation. Doch welche Formen des Wandels beschäftigen Topmanager:innen wirklich – und wie gehen sie damit um? Diesen Fragen ist Stephanie Schorp, Geschäftsführerin der Personalberatung Comites, im Rahmen einer qualitativen Top-Management-Studie zusammen mit der Macromedia University nachgegangen.
Für die Studie führte Stephanie Schorp 25 persönliche Interviews mit C-Level-Führungskräften aus unterschiedlichsten Branchen. Das zentrale Ergebnis: Transformation ist kein Projekt mehr – sie ist der Dauerzustand. Manager:innen navigieren in einem Umfeld permanenter Unsicherheit – zwischen KI-Hype, geopolitischer Volatilität, Fachkräftemangel und kulturellem Wandel.
Künstliche Intelligenz in der Führung
„Transformation ist kein Sprint, sondern ein Marathon im Nebel“, sagt Schorp. „Und genau dieser Nebel zeigt, was modernes Leadership heute braucht: weniger Kontrolle, mehr Haltung.“ Die Ära der unerschütterlichen Alphatiere geht zu Ende. Führungskräfte entwickeln sich zu reflektierten Möglichmacher:innen, die wissen: Kontrolle allein schafft keine Stabilität mehr.
„Führung bedeutet heute, Ambiguität zu managen, nicht Stabilität zu simulieren“, erklärt Roman Gaida, Chief Sales Officer und Geschäftsführer bei Bürkert Fluid Control Systems, einer der befragten Führungspersönlichkeiten. Er leitet weltweit Vertrieb und Marketing – und erlebt täglich, wie schwer es ist, inmitten von Krisen Orientierung zu geben, ohne in Aktionismus zu verfallen. Seine Perspektive aus der Praxis unterstreicht, was viele Studienpartner:innen berichten: Die Heldenpose hat ausgedient. Stattdessen zählen Klarheit im Chaos, Ruhe unter Druck – und die Fähigkeit, Menschen durch Unsicherheit zu führen.
Vom Werkzeug zum kulturellen Wandel
KI ist mehr als ein Tool – sie ist ein kultureller Kipppunkt. Sie löst gleichzeitig Begeisterung und Kontrollverlust aus und zwingt Führungskräfte, schneller zu lernen – aber auch bewusster zu führen. „KI ist nicht nur Technologie, sie ist ein Spiegel unseres Umgangs mit Veränderung“, so Schorp. „Sie zwingt uns, Sinn zu stiften – nicht nur Effizienz zu optimieren.“
Geopolitik zerstört Planbarkeit
Globale Krisen und Handelskonflikte machen Businessplanung zur Wette auf die Zukunft. „Man kann alles richtig machen – und trotzdem kaum Fortschritt sehen“, stellt Gaida klar. Deshalb braucht Führung heute weniger Kontrolle und mehr Gelassenheit: die Fähigkeit, Unsicherheit auszuhalten, ohne in blinden Reaktionsmodus zu verfallen.
Demografie & Kultur – der Mensch als Engpass
Sinn, Motivation und Eigenverantwortung werden zur neuen Währung. „Führung ist heute Kulturarbeit“, betont Schorp. „Und Kultur entsteht dort, wo Vertrauen entsteht.“ Gaida ergänzt: „Psychologische Sicherheit ist kein Soft Skill – sie ist die produktivste Form von Kontrolle.“
Moderne Führung statt Mikromanagement
Erfolgreiche Führungsteams setzen auf Vertrauen, Lernkultur und Fehlerfreundlichkeit statt auf Mikromanagement. Sie fördern Experimente, Diversität und gemeinsames Lernen – und wissen: Die Organisation mit dem höchsten Lernrhythmus gewinnt.
Leadership = Resilienz + Reflexion
„Geistige Beweglichkeit, emotionale Stärke und kommunikative Klarheit sind die neuen Führungsfähigkeiten“, fasst Schorp zusammen. Wer führen will, muss Unsicherheit aushalten und gleichzeitig Orientierung geben. Viele Unternehmen verwechseln Transformation mit Dauerbeschäftigung. „Ich arbeite nach dem Prinzip Pick three – nie mehr als drei Dinge gleichzeitig konsequent umsetzen“, sagt Gaida. Dieser Fokus schützt vor dem Phänomen der Transformations-Erschöpfung – und zwingt Führung dazu, Prioritäten zu setzen, statt sich in Symbolprojekten zu verlieren.
Menschlichkeit als Führungswährung
Gaida hat jede Hierarchiestufe selbst durchlaufen – vom Zerspanungsmechaniker über Wirtschaftsingenieur bis zum Geschäftsführer. „Wenn man die Sprache der Menschen nicht spricht, verliert man sie“, sagt er. Diese Bodenhaftung macht authentische Führung möglich und genau das ist laut Schorp die Basis für Vertrauen, die ultimative Ressource jeder Transformation. „Die neue Führungswährung ist Menschlichkeit“, resümiert Schorp. „Sie ist keine Nebensache sie ist die härteste Währung in Zeiten permanenter Veränderung.“ Oder, wie es Gaida formuliert: „Pick a direction and implement like hell – aber mit Herz und Haltung.“ Die Zukunft gehört nicht den Lauten, sondern den Lernenden. Nicht den Kontrolleuren, sondern den Gestalter:innen, die Ambiguität akzeptieren und Orientierung geben. Transformation ist kein Ausnahmezustand mehr, sondern die neue Normalität.
Über die Autor:innen
Stephanie Schorp ist Geschäftsführerin der Personalberatung Comites und begleitet seit über 20 Jahren Unternehmen und Führungskräfte bei Transformations- und Nachfolgeprozessen. Sie gilt als eine der führenden Headhunterinnen, Karriere- und Leadership-Expertinnen im deutschsprachigen Raum.

Roman Gaida ist Chief Sales Officer (CSO) und Geschäftsführer bei Bürkert Fluid Control Systems, einem weltweit führenden Anbieter von Mess-, Steuer- und Regeltechnik. Er verantwortet global Vertrieb und Marketing in über 38 Ländern. Seine Schwerpunkte liegen auf Transformation, Leadership und Business Development im internationalen Mittelstand.
